Zum 30. Juni 2026 waren in Deutschland rund 70 Gigawatt Windkraft an Land installiert. Das gesetzlich festgelegte Ziel für Ende 2026 liegt bei 84 Gigawatt. Um diese Lücke von 14 Gigawatt in einem halben Jahr zu schließen, müsste der Netto-Zubau ein Vielfaches dessen erreichen, was in der ersten Jahreshälfte gelang – ein Tempo, das selbst die Fachagentur Wind und Solar in ihrem eigenen Halbjahresbericht als „bei weitem nicht erreichbar“ einstuft.
Was ein Engpassgebiet für neue Anlagen bedeutet
Ein zentraler Grund für die Lücke liegt nicht am fehlenden Willen der Projektierer, sondern an den Netzanschlüssen selbst. Als sogenannte Engpassgebiete gelten nach der aktuellen Fassung der EEG-Novelle und des Netzanschlusspakets Regionen, in denen die Netze im Vorjahr mehr als fünf Prozent der erzeugten Strommenge nicht aufnehmen konnten. In solchen Gebieten gilt für neue Windkraftanlagen eine Bedingung: Nur wer für bis zu sechs Jahre auf eine Entschädigung im Fall von Abregelung verzichtet, bekommt sofort einen Netzanschluss. Wer wirtschaftlich kalkuliert, muss diese Unsicherheit von Anfang an in die Planung einpreisen – und genau das bremst neue Projekte in genau jenen Regionen, in denen zusätzliche Kapazität am dringendsten gebraucht würde.
Ein Netz für ein anderes Zeitalter
Hinter dieser Regelung steckt ein strukturelles Problem, auf das Netzplanungsexperten seit Jahren hinweisen: Deutsche Verteilnetze waren historisch für den einseitigen Stromfluss von wenigen zentralen Großkraftwerken zu den Verbrauchern ausgelegt, nicht für Tausende dezentrale Wind- und Solaranlagen, die heute an derselben Stelle Strom einspeisen. Diese Rückspeisung in höhere Netzebenen überlastet Leitungen und Transformatoren, die für ein solches Lastprofil nie ausgelegt waren.
Um das nachzuholen, müssten die jährlichen Investitionen in die Verteilnetze nach Branchenschätzungen von derzeit rund 7 auf über 14 Milliarden Euro steigen – eine Verdopplung, die selbst bei zügiger Umsetzung Jahre in Anspruch nehmen dürfte. Bis das nachgeholt ist, bleibt die Antwort auf die Frage, wo neue Windkraft überhaupt wirtschaftlich ans Netz gehen kann, eng an die vorhandene, historisch gewachsene Netzstruktur geknüpft, nicht an die Standorte mit dem besten Windertrag.
Damit verschiebt sich die eigentliche Engpassfrage: nicht mehr, ob sich genug Windkraft bauen lässt, sondern ob genug davon dort entsteht, wo das Netz sie überhaupt aufnimmt.




