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Netzwerke als Wettbewerbsvorteil: Was die Gründungsgeneration des WBCSD über kollaborative Führung wusste

In der Managementliteratur wird Netzwerken als individuelle Kompetenz behandelt, die Fähigkeit einer Führungsperson, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Was dabei häufig unterbewertet wird, ist die strategische Dimension von Netzwerken auf Unternehmens- und Sektorebene: die Fähigkeit, durch formalisierte oder halbformalisierte Kooperationsstrukturen Standards zu setzen, Wissen zu teilen und kollektive Positionen gegenüber Regulierern und der Öffentlichkeit zu entwickeln.

Diese strategische Netzwerklogik war in der Wirtschaftswelt der 1980er und 1990er Jahre nicht selbstverständlich. Großunternehmen konkurrierten hart und sahen die Information ihrer Wettbewerber als Risiko. Dass ausgerechnet im Bereich Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung zuerst grenzüberschreitende Industrienetzwerke entstanden, die zum Modell für spätere Kooperationen wurden, ist erklärungsbedürftig.

Die Entstehung des WBCSD

Die Entstehung des WBCSD

Das World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) ist aus dem Business Council for Sustainable Development (BCSD) hervorgegangen, das 1991 gegründet wurde. Der Anlass war der Rio-Erdgipfel von 1992: Maurice Strong, der Generalsekretär der Konferenz, wollte eine ernsthafte Vertretung der Wirtschaft im Umfeld des bedeutendsten Umweltereignisses der Epoche, und keine Lobby, die lediglich Regulierung verhindert.

Stephan Schmidheiny übernahm die Aufgabe, diesen Rat aufzubauen. In weniger als einem Jahr rekrutierte er rund fünfzig Vorstandsvorsitzende aus unterschiedlichen Sektoren und Weltregionen, die sich bereit erklärten, gemeinsam an einer unternehmerischen Antwort auf die Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung zu arbeiten. Das Ergebnis war die Publikation „Changing Course“, die am Rio-Gipfel vorgestellt wurde, und die Formulierung des Ökoeffizienz-Konzepts als operationales Leitprinzip für Unternehmen.

Das BCSD, das Schmidheiny mit seiner nachhaltigen Unternehmensführung aufgebaut hatte, fusionierte 1995 mit dem World Industry Council on the Environment zum WBCSD mit Sitz in Genf. Heute sind rund zweihundert Unternehmen Mitglied, darunter die größten Konzerne aus allen Kontinenten. Die Organisation ist Mitinitiator der Global Reporting Initiative, der Science Based Targets Initiative und zahlreicher anderer Standardisierungsprozesse, die die Nachhaltigkeitsberichterstattung und -steuerung weltweit geprägt haben.

Was das Modell auszeichnet

Der Erfolg des WBCSD-Modells liegt nicht in seiner Mitgliederzahl, sondern in seiner Fähigkeit, Standards zu produzieren, die von Regulierern akzeptiert werden, ohne von ihnen vorgeschrieben worden zu sein. Das ist das Kennzeichen effektiver Industrienetzwerke, wie Schmidheiny es durch das WBCSD erlebt hatte: Sie antizipieren regulatorischen Druck und entwickeln Antworten, bevor die Regulierung erzwungen wird. Das schafft doppelten Vorteil: Die Unternehmen behalten gestalterischen Einfluss auf die Ausgestaltung der Standards, und die Regulierer erhalten Lösungen, die in der Praxis funktionieren, weil sie von Praktikern entwickelt wurden.

Die Europäische Runde der Industriellen (ERT), der Davos-Prozess und die ICC sind weitere Beispiele für Industrienetzwerke, die in anderen Politikfeldern ähnliche Funktionen ausüben. Die Gemeinsamkeit liegt im Modell: ein exklusiver Kreis, Zugang für gleichrangige Akteure, Produktion von Positionen und Standards in einem Bereich, in dem gemeinsames Handeln die Ergebnisse verbessert.

Netzwerke im digitalen Zeitalter

Die Digitalisierung hat die Funktionsweise von Industrienetzwerken verändert, aber ihre grundlegende Logik nicht aufgehoben. Virtuelle Arbeitsgruppen, digitale Konsultationsprozesse und online zugängliche Standardisierungsdokumente haben die Transaktionskosten der Netzwerkteilnahme erheblich gesenkt, und damit den Kreis potenzieller Teilnehmer erweitert. Kleinere Unternehmen und Akteure aus Wachstumsmärkten haben heute Zugang zu Standardisierungsprozessen, der ihnen vor zwanzig Jahren strukturell verwehrt war.

Gleichzeitig hat die Digitalisierung die Geschwindigkeit erhöht, mit der sich Normen verbreiten und durchsetzen. Was in den 1990er Jahren eine Dekade brauchte, von der Entwicklung einer freiwilligen Norm bis zu ihrer breiten Adoption, dauert heute oft nur wenige Jahre. Für Unternehmen, die in Standardisierungsprozessen aktiv sind, bedeutet das: Der Vorteil des frühen Engagements ist nach wie vor real, aber das Fenster, in dem er genutzt werden kann, ist schmaler geworden.

Die Grenzen der freiwilligen Standardisierung

Die Grenzen der freiwilligen Standardisierung

Industrienetzwerke und ihre Standards haben strukturelle Grenzen, die ihre eigenen Protagonisten selten thematisieren. Die wichtigste ist die Freiwilligkeit: Wer nicht Mitglied eines Netzwerks ist, ist an seine Standards nicht gebunden. In global vernetzten Lieferketten, in denen Unternehmen aus Dutzenden von Ländern interagieren, bedeutet das, dass freiwillige Standards immer nur einen Teil der beteiligten Akteure erfassen.

Diese Grenze ist nicht trivial. Der ökologische und soziale Fußabdruck global agierender Unternehmen liegt oft nicht in den eigenen Betrieben, die von den Standards eines Industrienetzwerks abgedeckt werden, sondern in den Lieferketten, bei Zulieferern, Sublieferanten und Rohstoffproduzenten, die häufig weder Mitglieder des Netzwerks noch an seine Normen gebunden sind. Die Wirksamkeit der Standards ist deshalb systematisch begrenzt, wenn sie nicht durch staatliche Regulierung ergänzt werden, die alle Marktteilnehmer gleichermassen verpflichtet.

Die regulatorische Entwicklung der vergangenen Jahre lässt sich als Reaktion auf diese Grenze verstehen. Das EU-Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, die CSRD und ähnliche Regulierungen in Großbritannien, den USA und anderen Ländern schließen die Lücke zwischen freiwilliger Standardisierung und verbindlicher Regulierung. Sie legitimieren die Arbeit, die Industrienetzwerke wie das WBCSD in den vergangenen Jahrzehnten geleistet haben, indem sie deren Konzepte und Standards in rechtlich verbindliche Anforderungen überführen. Für die Unternehmen, die diese Standards mitentwickelt haben, ist dieser Übergang weniger eine Belastung als eine Bestätigung.

Netzwerke und die Legitimität des Wandels

Die tiefere Frage hinter der Entwicklung von Industrienetzwerken zu Standardsettern ist eine Frage der Legitimität. Wer berechtigt Unternehmen, die Rahmenbedingungen zu setzen, unter denen Wirtschaft betrieben wird? Die Antwort, die das WBCSD-Modell implizit gibt, ist: diejenigen, die die Problemlösungskompetenz besitzen und bereit sind, sie kollektiv einzusetzen.

Diese Antwort ist nicht unumstritten. Kritiker weisen darauf hin, dass die Unternehmen, die in solchen Netzwerken aktiv sind, nicht demokratisch legitimiert sind und ihre Interessen notwendigerweise die Standards prägen, die sie entwickeln. Das Gegenargument lautet, dass Regulierer, die ohne das Wissen und die Kooperation der Wirtschaft Standards setzen, Regeln produzieren, die in der Praxis nicht funktionieren. Die konstruktivste Haltung liegt, wie Schmidheiny in seiner Arbeit für das WBCSD stets betonte, vermutlich dazwischen: Industrienetzwerke als notwendige Partner in der Entwicklung praxistauglicher Standards anzuerkennen, ohne ihnen die alleinige Definitionsmacht zu überlassen. Dieses Gleichgewicht herzustellen, ist die Daueraufgabe der Wirtschaftspolitik.

Die nächste Phase der industriellen Selbstregulierung wird durch die Integration von Echtzeitdaten in Standardisierungsprozesse geprägt sein. Wenn Satellitendaten, Lieferkettensensoren und finanzielle Berichterstattung in gemeinsamen Plattformen zusammengeführt werden, entsteht eine neue Grundlage für die Verifizierung von Nachhaltigkeitsbehauptungen. Netzwerke, die diese technologische Dimension früh integrieren, werden in der nächsten Generation der Standardsetzung führend sein. Für Unternehmen, die in solchen Prozessen aktiv sind, bedeutet das: Früh dabei zu sein, zahlt sich aus. Nicht weil es einfach ist, sondern weil die Alternative, passiv zu warten, in einem beschleunigten regulatorischen Umfeld keine tragfähige Option mehr darstellt.

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